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Irrgarten 0035 - Frühlingsfest der Kirchgemeinde

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0035 Gemeindefest

Ausgerechnet am Frühlingsfest der Gemeinde regnet es - ab in die Kirche und um Sonnenschein beten!

INFO Blumen & Bouletten - Eine heitere Kurzgeschichte von Lars O. Heintel

Da saß ich nun, eingekeilt zwischen senilen und schunkelwütigen Gemeindemitgliedern, die beim alljährlichen Frühjahrsfest auf dem Kirchgelände mal wieder so richtig die Sau raus ließen: Übermütige Festbesucher forderten unverblümt mehrfachen Nachschlag aus der Gulaschkanone; besonders Tollkühne verlangten in aller Öffentlichkeit gar einen Schuss Rum in ihren Ostfriesentee. Wenn man bedachte, dass diese Zusammenkunft für die meisten Anwesenden den alljährlichen Höhepunkt gesellschaftlicher Vergnügens markierte, hielt sich die gefühlte Sensation in meinem eigenen Fall in geradezu beleidigend engen Grenzen. Mit anderen Worten: Ich langweilte mich und begann, an den neckisch auf jeden Tisch drapierten Blumenarrangements herumzuspielen. Anstelle von Vasen hatte man die bunten Frühlingsboten in kleine bedruckte Weingläser gepfercht, wie ich sie von Weinproben kannte. Versonnen dachte ich an üppige Hänge in Südlage, während meine linke Sitznachbarin - geschätztes Alter einhundertsiebzehn - sich redlich mühte, mir mit teeseligem Gebrabbel zahnlos ein Ohr abzukauen. Äußerlich emsig nickend schwiffen die Gedanken in meinem Kopf von sonnigen Südhängen zu eher philosophischen Fragen wie etwa der, ob nicht der Tod ein doch freundlicher und in seiner großen Gnade völlig verkannter Zeitgenosse sei. Ein irritierter Blick der unentwegt Brabbelnden riss meine Aufmerksamkeit zurück ins Hier und Jetzt: Meine (immerhin noch zahnbewehrten) Kiefer bewegten sich ebenfalls kauend und mahlend hin und her. Hatte ich die Dame etwa in unbewusster Nachäffung ihres eigentümlichen Minenspiels beleidigt? Noch bevor ich dieser Frage nachgehen und ihre Konsequenzen ermessen konnte, schlug mich ein völlig anderes und deutlich unwahrscheinlicheres Ereignis in seinen Bann: Langsam, völlig lautlos und von ihr daher unbemerkt schwebte auf das spärliche aber kunstvoll toupierte Haar meiner Gesellschafterin ein Objekt nieder, von Größe, Form und Farbe nicht unähnlich einer Formfleischfrikadelle aus dem Supermarkt. So, wie sie einzelne ihrer sorgfältig angeordneten Resthaare verdrängte und das Frisurengebilde plättete, musste die fliegende Boulette trotz ihrer geringen Ausmaße ein ungeheures Gewicht besitzen. Kaum berührte sie die freigelegte Kopfhaut der Alten, fiel diese zunächst in absurde (aber durchaus unterhaltsame) Zuckungen und schließlich in Ohnmacht.

Dachte ich jedenfalls. Tatsächlich korrigierte man meine irrige Wahrnehmung sofort nach dem Erwachen auf das Entschiedenste. Denn wirklich war ich derjenige gewesen, der sein Bewusstsein verloren hatte. Seither habe ich nie wieder ein Frühjahrsfest besucht und auch keine (wie ich heute weiß: giftige) Krokusblüte mehr angefasst, geschweige denn darauf herumgekaut.

Irrgartenwelt im VLOH Verlag Lars O. Heintel

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